Hotel Maistra 160, Pontresina
Statisches Feuerwerk
Die Beleuchtung des Erdgeschosses empfängt den Besucher in einer stillen, doch szenografisch definierten Abfolge. Von Aussen, der Hauptstrasse Via Maistra her, lenken die grossformatigen Leuchter den Blick durch die raumhohen Fenster und netzstrukturierten Vorhangfilter ins Innere. Die seitlich flankierenden Mattglaszylinder der Eingangstür untermalen dabei eine Einladung ins Hotel.
In einer Steigerung mögen die sechs traubenförmigen Leuchter der Eingangshalle ein erstes Staunen unterstützen. Ein Staunen über die Raumhöhe, die massiven Steinsäulen, die glanzfloralen Muster der textilen Kassettendecken, den Terrazzoboden, die Rezeption und Bar inklusive ihrer geschwungenen Trennwand aus Massivholz, die eingelegten Messingprofile in Boden und Möbel, welche sich in den Reifen der Kronleuchter wiederfinden. Ein Staunen über die atmosphärische Dichte der eigensinnig gesetzten räumlichen Objekte und Proportionen.
Über der Rezeption und im Restaurant findet die Beleuchtung ihren Höhepunkt – als stilles, statisches Feuerwerk. Zweistufige Leuchterreifen aus poliertem Messing schweben kronenhaft über den Tischen. Wie ein Kerzenmeer tauchen die grossformatigen Objekte mit hunderten von Lichtpunkten die zentralen Räume des Hotels in eine warme, festliche Atmosphäre.
Martin Nievergelt entwarf die zeitgenössischen Kronleuchter eigens für Caminadas Architektur und stellte diese mit seinem Team in aufwändiger Handarbeit selber her. Die gerillten Borosilikatgläser sowie die polierten Messingreifen brechen und spiegeln das goldene Licht in unzähligen Facetten, was den Oberflächen, dem Gedeck und der Auslage des Buffets deren Brillanz verleiht. Die unkonventionelle Anordnung und Öffnung der Messingreifen definieren einen eigenen Raum unter den Leuchtern. Besucher wie auch Mitarbeiter sollen von diesem Lichterkreis eingeladen und umarmt werden. Über dem Buffet pendeln eigens für diesen Ort entworfene Glas-/Messingzylinder, deren additive Anordnung den Bereich beleuchtet und räumlich zoniert.
«Besucher wie auch Mitarbeiter sollen von diesem Lichterkreis eingeladen und umarmt werden.»
Kronleuchter als atmosphärisch dekorative Objekte verhelfen den Raum zu rhythmisieren. Da diese durch ihre grosse Anzahl an Lichtpunkten und -brechungen diffuses Licht abgeben, verstärken in den Textilkassetten integrierte Spots die Raumtiefe und somit eine differenzierte Lesbarkeit des Raumes. Wo der hellste Punkt das Auge leitet, der Schatten des Raumes Tiefe bestimmt.
Die Arvenstube wird in bewusst zurückhaltender, jedoch nicht weniger atmosphärischer Weise beleuchtet. Dieser hohe, doch eher schmale Raum sollte nicht durch Pendelobjekte unterteilt werden. Auch im Hinblick darauf, dass in beiden anliegenden Räumen bereits imposante Pendelobjekte den Luftraum verdichten. So werden die Tische von ovalstrahlenden Deckenspots präzise ausgeleuchtet, während Wandleuchten den Besucher umrahmen. Die Wandleuchten aus Messing, deren Reflektorenform der Fasung des Arventäfers entstammt, wurden ebenfalls von Martin für diesen Raum entworfen und mit gehärteten Stahlstempeln des Kunstschmieds Moritz Häberling unter 80 Tonnen Druck strukturgeprägt.
In der Lounge ein über fünf Meter langer, linearer Kronleuchter die charakteristische Ausrichtung dieses Raumes verstärkt. Die 24 satinierten Borosilikatzylinder strahlen sanftes, seitliches Streulicht sowie durch einen speziell dafür entwickelten Leiter gebündeltes Licht nach unten. Ein hinter der Textildecke angebrachtes Liftsystem ermöglicht es, den Linearleuchter in der Höhe zu verstellen und diesen bei einer tavolataähnlichen Tischanordnung als Pendelleuchte zu verwenden.
«Wo der hellste Punkt das Auge leitet, Schatten des Raumes Tiefe bestimmt.»
Das Hotel Maistra von Gion Caminada folgt in seiner Architektur den unterschiedlichen Nutzungen. So sind die Tageslichtverhältnisse im Erdgeschoss von durchdringender Helligkeit. Das Restaurant, die Rezeption, die Eingangshalle, die Lounge und Bibliothek; alle profitieren vom transparent gestalteten Grundriss mit seinen allseitig umgebenden Fensterfronten. Darin wiedergibt die Oberengadiner Bergwelt ihre imposanten Färbungen in Zyklen der Tages- und Jahreszeiten. Abends lädt jedoch selbst das lichtdurchflutete Erdgeschoss zur Innenschau ein.
Auch im Wellness- und Badebereich wurden sehr eigenständige Architekturbeleuchtungen von Martin entwickelt. In einer langen Entwurfsreihe entstanden doppelkubische Deckenleuchten aus Keramikschaum, welche nebst einer unvergleichlich tiefen Lichtwirkung, die poröse Struktur des umliegenden Kalkwandverputzes wiederaufnimmt.






Der kultige Pöstlikeller von Pontresina, welcher einst im ehemaligen Hotel Post untergebracht war, wurde am selben Ort wieder aufgebaut und mit neuem Design und Licht für unterschiedlichste Nutzungen ausgestattet.
«Martin entwarf die zeitgenössischen Kronleuchter eigens für Caminadas Architektur und stellte diese mit seinem Team in aufwändiger Handarbeit selber her.»
| Projektjahr | 2020 – 2023 |
| Aufgabe | Lichtplanung, Leuchtendesign/-bau |
| Bauherrschaft | Bettina & Richard Plattner |
| Architektur | Gion A. Caminada |
| Fotografie | Christian Reichenbach |



























